European Song Contest 2008

Posted on May 25, 2008
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Ja, ich bin spät dran, aber das liegt daran, dass ich gestern so gebannt vor dem Fernseher saß und meilenweit von einem PC ANschluß entfernt, dass ich mir nur handschriftliche Notizen machen konnte, die ich nun versuche direkt und ohne emotionale Korrekturlesung in die digitale Form zu bringen versuche. Here we go…

Samstag Abend und das Programm ist so erbärmlich, dass ich mich bewußt gegen “Alle lieben Mary” zum siebenten mal entscheide und mir den ESC 2008 antue. Jawohl. Angesichts der Tatsache, kein Laptop, W-Lan oder ähnlich affektbloggierendes Accesoir zur Verfügung zu haben, mache ich handschriftliche Notizen, alles nur wegen der Authentizität und meiner Creditibility als noch-einer-der-was-dazu-zu-sagen-hat zu unterstreichen. Ich schaue also den European Song Contest und lästere darüber, welch ein perfider Plan, hehehe…

Ich schalte also ein, kurz vor 21:00 Uhr, Thomas Hermanns. Ich möchte abschalten. Thomas Hermanns interviewt Kinder. Wenn nichts mehr geht, KInder gehen immer, das sind Sympathieträger, Kinder sind toll, Kinder sagen spontan die Wahrheit, Kinderinterviews sind lustig. Und eins der vielen No-Gos für Livesendungen, naja, gut, wir sind bei den öffentlich-rechtlichen, da kann sowas schonmal passieren. Blablabla von Kindern, schlimm…

Oh, jetzt wird´s noch toller, noch mehr Blablabla. Diesmal von Schwester Jordana. Schwester Jordana performed “Live” das Wort zum Sonntag in Osnabrück wo Katholikentag ist, etwas hölzern und nervös, aber mit der inbrünstigen Überzeugung einer wahrhaft erleuchteten Katholikin, sektiererisch und bejubelt, wie es nur eine echte Katholikin kann. Über die verstärkte Medienpräsenz der westlichen Kirchen im Staatspropagandafernsehen lasse ich mich ein andermal aus. Über den Jordan geht dann auch noch eine Liveperformance irgendeines hyper-hyper-gott-ist-toll-Honsels und christlich sein ist total cool Quatsches, der eines jeden Bauernfängers unwürdig wäre, aber die anwesende Gemeinde im Herren ist anderer Ansicht als ich. Ich werde das morgen mal mit meinem Kumpel Gott besprechen, wie wir das Problem der religiösen Fanatiker jeglicher Couleur in den Griff bekommen.

Oh jetzt geht´s los, die jetzt schon beleidigte Stimme Peter Urbans, der uns heute im Laufe des Abends noch gefühlte 37 mal erklären wird, dass die baltischen und sonstigen Ostblockstaaten…, naja seien wir mal nicht so, irgendwas muss er ja sagen, der Peter, der Urban, zu oft dabei gewesen, bitte nicht wieder wählen. Als er noch den NDR2 Club moderierte habe ich ihn echt gemocht. Aber wenn´s ihn doch so nervt, könnte es ja auch wer anders machen, sagt mir mein Mitleid.

Eröffnet wird mit dem Tuntenballett. Nicht mit dem lustigen von Monty Python, sondern mit einem ernstgemeinten Ensemble von Schwarz-Weißen Mann/Frauen der Vorjahres Siegerin. Ist Siegerin eigentlich politisch korrekt, bei einer Lesbe? Wie immer wird jedenfalls zwischen schwarz-weiß jeglicher Gedanke an graue Zwischentöne ausgeblendet, die Welt ist einfach leichter in zwei Hälften zu spalten. Divide et impera. – Ui, noch mehr inbrünstig vorgetragenenes “balkanesisch” und die Tunten haben sich nun in halbnackte Marionetten verwandelt. Fast schon rebellischee Rock, ganz klar, hier wird auf Jahre eine Disqualifikation als Veranstaltungsort des ESC angestrebt. Fein.

So, die Bühne ist an Gigantomanie mal wieder kaum zu übertreffen, der besorgte Steuerzahler in mir fragt sich, wer bezahlt das eigentlich. Gratulation an den Bühnenbauer, der hat wenigstens ordentlich was vom vereinigten Europa was gehabt, aber richtig was.

Peter Urban beweist fast Delling´sches Überleitungstalent, “3 Küsse fürs Glück, Glück können auch Sie haben, wenn Sie anrufen…” – ich bin begeistert!

Und schon wird losgeknödelt, ein Opernsänger bringt uns an den Rand der Welt, als ob uns gesagt werden solle, so klingt eine ausgebildete Stimme, ab jetzt kommt nur noch Schrott – und dann kommt der Schrott, seit dem die Dame mitsingt, wird der Kontrast plastisch deutlich. Ach so, das war gar kein Intro, das war ein Beitrag. Ok. Rumänien ist raus für mich – keine Frage.

England
der Müllmann aus der Talentshow singt irgendwas zwischen Right Said Fred, ABC und Tom Jones. Naja. NIcht soooo schlimm, Pop Musik, findet auch der Urban.
Albanien
schickt ein hübsches, trauriges Mädel ins Rennen, ein bißchen neben dem richtigen Ton, aber ein erdiger Balladenrock, mir gefällts. Ein bißchen unoriginell, aber durchaus gut, doch und als Bühnenshow genügt sich eine Windmaschine, find ich gut, geht ja eigentlich auch nur um die Musik.
Deutschland
die No Angels. hm. Casting Band für Europa, naja, was soll´s, rosa-blaue Nachthemden, sagt mal Mädels, war keine Zeit zum Umziehen? Mächtig neben dem Ton und die Pimpertanznummer soll´s rausreissen, echt furchtbar…
Armenien
das ist also die weltbekannte “Surushu” *nuschel, wenn man dem Urban glaubt. Ich persönlich habe den Namen ja nochnie gehört, aber der Urban muss es ja wissen. Vielleicht versuchte es sich ja auch in Ironie, was ihm dieses Jahr schwerer fiel als sonst, da ihm offenbar, wegen zu viel Genörgel Texte zum Ablesen vorgelegt wurden. Nun gut, nach einem sehr schönen folkloristischen Intro, dass mich persönlich sehr begeistert folgt durchschnittlicher Ost-Block-Pop mit “armenisch” anmutenden Samples. Besser als die No Angels allemal…
Bosnien
wird uns also Laka zeigen. Shakalaka fällt nur einem Proleten dazu ein. Also mir. Peinlich und auch irgendwie ignorant. Ja so bin ich. Ich mag das. Laka ist ein Performance Künstler, was mir sagt, dass er schonmal nicht singen kann, was er auch gleich unter Beweis stellt, aber es gibt etwas fürs Auge, eine Art Mini-Musical, ich verstehe die Handlung zwar nicht, aber die Musik wird besser, fast schon 70er Prog-Rock a la Gary Glitter, inklusive Pädophilieakzenten, kleines Mädchen mit Schlüpferalarm und Strümpfchen, gerade in Europa sicherlich ein stimmiges Konzept.
Israel
Sehr schöner Anfang. Folkloristisch. Schön. Ah, deswegen Nachtigall, die bezaubernde Frauenstimme gehört zu einem Kerl. Ich bin verblüfft. Ich mag es verblüfft zu werden, mein bisheriger Favorit, authentisch – geil!
Finnland
schickt uns Lordi, die Zweite. Langweilig. Poserdeath. Hu Ha – Dschingis Khan war gestern.
Aus Kroatien
kommt auch was authentisches. Zigeunerswing von einem abgespeckten Buena Vista Social Club. Der alte Mann, der den Rap neu erfindet, gefällt mir besonders gut, fühle mich in eine Tanzbar der 20er Jahre zurückversetzt, respektabler 2. Platz in der offiziellen TV-Kritisch Wertung
Polen
schickt uns eine Möchtegern-Mariah-Cary. Titanic läßt grüßen. Professionell und gut gesungenene Ballade, beste Stimme bisher, aber der Song kommt nicht über durchschnittliches Radiogedudel weg, aber weil es mich irgednwie an Jennifer Rush erinnert, gibt es einen Platz 3…

Peter Urban versucht sich einstweilen mit Scherzen über Solariumbräune für Thomas Hermanns Quatsch Comedy Club zu empfehlen, was meiner Meinung nach mißlingt. Ganz schlechter Stil, Peter, ganz schlecht.

Island
Oh Mann! Was soll das denn? Musik geklaut bei Dr. Alban, Text bei Talk Talk, Duett in Pop – in Erinnerung bleiben mir hier nur die rosa Pumps. Geht gar nicht.
Türkei
hui! Das hat Pfeffer! Rebellenrock aus der Türkei. Gut, kompositorisch jetzt nicht der Überknaller, aber: Respektabler Beitrag, schiebt für mich die Polin auf Platz 4, das ist mein neuer Platz 3 mit Tendenz nach oben, doch ist eine geile Nummer, reicht vielleicht für Platz 2 bei mir, echt, erdig und authentisch vorgetragen, wer hätte das den Türken zugetraut? Gut!

-Puh! Pause, gerade richtig, ich brauche was zum Trinken-

Portugal
Das ist aber mal eine Wuchtbrumme. Wenigstens mal nicht so eine dürre Modellfigur, was darauf schließen läßt, dass sie Stimme hat. Leider ist der Song ein bißchen sehr an einen andern Song mit Refrain “…why, crucify…” angelehnt dessen Title mir spontan nicht einfallen will. Nee, nee, Klangrecycling ist bei mir ein Durchfallgrund… naja, wenigstens singen konnte sie ja.
Lettland
Buh, Pfui, Schlecht!!! Dschingis Khan auf lettisch, der Song ist ja nunmal echt Müll, da helfen auch keine Piratenoutfits. Aufhören! Nein! Bitte nicht noch einen Halbton höher, oh Gott, sie tun es, Würg!
Schweden
schickt uns nun mal aber einen Euro-Pop Song, der nicht nur latent an Bonnie Tylers Hero Song erinnert, während eine magersüchtige über die Bühne stelzt. Nääää, das ist unterdurchschnittlich, da hilft auch nicht, dass die Sängerin nun farbig gemacht wird, der Song bleibt blaß und grau.
Dänemark
hm, was wird uns nun also der angehende Polizist aus dem Lande der Ferienhäuser präsentieren? Langweilige Durchhalte-Party-Mucke von einem Robby-Williams-Verschnitt für Arme, gekreuzt mit Roger Cicero, das kann doch schon gleich gar nichts werden. Da ist doch was faul im Staate Dänemark.
Georgiens
Beitrag fängt auch ganz gut an, aber ein Blick auf Audrey Hepburn im Matrix Look macht den Eindruck, vom Song der auch nicht sooo toll ist und trotz interessanter Stimme ein Klamottenwechsel von Schwarz nach Weiß (wie originell und noch nie dagewesen)notwendig ist, bleibt schwach.
Ukraine
sehr nett anzusehen. Ach ja, es geht ja um die Musik. Besonders ukrainisch klingt das nicht für mich, das ist gute Popmusik von internationaler Qualität, tolle Show, gute Performance aber für mich nicht mehr als ein Platz 5.
Frankreich
Badabubapp. Die Grande Nation scheint zu verzweifeln, man singt englisch. Was für ne schlechte Plastikmusik, auch geklaut, baby, I want you to want me, the way that I want you… Nee, furchtbar, aufhören, schlecht.
Aserbaidschan
trägt nun also Eunuchenrock Marke Judas Priest bei. Nur weil es auch mir EU beginnt, muss das aber nicht reichen. Elnur und Sabir machen Opern Metal in durchgestylter Musical Optik, naja, wenigstens kantig, aber es will mir wenig aserbaidschanisch vorkommen, wobei ich nicht mit SIcherheit sagen könnte, was typisch aserbaidschanisch wäre, noch, wo es eigentlich genau liegt… Optisch eine 1, die Musik, sagen wir mal, ein Platz 4 hier
Griechenland
serviert ein Nelly Fortado Surrogat. Blöd. Langweilig, aber auf internationalem Niveau. Schmerzhaft muss ich zugeben, dass die Beiträge insgesamt besser verdaulich sind, als erwartet.
Spanien
Old MacDonalds in neuer Interpretation. Gerappter Shakira Rhytmus mit NDW-Trio-Applikationen und mir ist echt schleierhaft, was sich die Spanier dabei gedacht haben, singen ist irgendwie anders, was ja essentiell wäre bei so einem Song-Contest… haha, eine der Tanzmäuse schmeisst die Coreografie, lustig, leider nicht wirklich.
Serbien
bringt endlich wieder etwas ernstes, statt dieses dauernden Gute-Laune-Gehoppses, schön. Sentimentale Folklorestimmung, verstorbene Ehemänner, die zu Grabe getragen werden, dass ist ganz nach meinem Geschmack, doch, sehr schönes Lied!
Russland
holt also Timbaland als Produzenten ins Boot. Ob´s hilft? Fängt Timba-mäßig an, aber der Song an sich ist schwach, reiner Durchschnitt, nö, nö, da hilft auch kein Eiskunstläufer…
Norwegen
die schwächste Stimme des Abends, abgesehen von Frankreich und Spanien, der Song ist ein J-Lo Abklatsch, schon-mal-gehört, nö, da waren ja sogar die No Angels besser und die waren schon wirklich sauschlecht im internationalen Vergleich. Nee, geht gar nicht, schlecht.

Und vorbei. Mehr Alkohol! Jetzt kommt die Abstimmung. Insgesamt muss ich aber, so ungern ich das tue, zugeben, dass die Qualität der Beiträge sehr, sehr viel besser war, als erwartet, man kann sich die Show also tatsächlich wieder ansehen ohne chronische Kotzkrämpfe und konvulsisches Zucken am Fernbedienungsdaumen zu bekommen. Jetzt kommt Peter Urbans große Stunde, der uns mal wieder die politische Stimmungslage im europäischen Umland anhand von Musikbewertungen nahe bringen will. Ich persönlich finde es nicht besonders nachvollziehbar, wenn man Serben und Kroaten, Letten und Littauern und Russen nach deren politischen Differenzen Grand-Prix Nachbarschaftshilfe unterstellt, Andorra und Portugal einen Wettbewerbsvorteil unterstellt, weil Spanien mitwirkt, aber daran mögen sich wieder mal andere Kleingeister ereifern.

Ich habe mich, wider Erwarten glänzend unterhalten gefühlt – das macht mir Angst, dass ich alt werde, vielleicht schaue ich demnächst sogar wieder Wetten Dass..? oder den Musikanten Stadl, Hilfe! Ich brauche einen Termin beim Psychiater.

http://regenrot.wordpress.com/2008/05/24/oh-weh-esc/
http://www.thoughtcatcher.de/2008/05/25/eurovision-song-contest-was-war-was-wird/
http://www.knetfeder.de/magazin/2008/medien/der-eurovision-song-contest-2008-oder-herr-urban-hat-den-einzig-moglichen-witz-geklaut/
http://www.stefan-niggemeier.de/blog/grand-prix-finale-das-verdiente-debakel/

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